Blog von Dietrich Sagert

HERAUS! AUS DEM STAND HERAUS KOMMEN
Homiletische Unterwanderungen
 
 
Denken gehört zum Predigen wie die Arbeit an Sprache und Manuskript und das Üben an Sprechen und Auftritt. Der homiletische Blog „Heraus! Aus dem Stand heraus kommen“ nimmt ein lutherisches Diktum auf und bringt es in Bewegung: rückwärts, vor allem zu Augustinus, und nach vorn zu zeitgenössischen Denkern.

Die Anordnung des Blogs nach dem Erscheinungsdatum der Texte bringt es mit sich, dass die Lektüre des jeweils oben liegenden Textes ein Zurücklesen in zuvor erschienene erfordern kann.
Das Denken macht sich lesend auf den Weg. Es gewährt damit zugleich einem Begriff Einlass in seinen denkerischen Vollzug, der einer schlichten aber auch einer komplex lehrhaften Wiederholung meist entgeht: die Differenz.
Jene kleinen Verschiebungen, Abweichungen, Unterwanderungen von dem, was man gewohnt ist – also immer nur erkennt, weil man es schon kennt – bilden den entscheidenden Unterschied zwischen Selbstreferenz und einer denkerischen Praxis, zwischen Selbstbespiegelung und einer spirituellen Praxis, zwischen Selbstdarstellung und einer homiletisch-liturgischen Praxis.

Auf diese kleinen Unterschiede wird es ankommen!

Hier im Blog erscheinen im lockeren Drei-Wochen-Rhythmus neue Texte. Weiterhin stehen Ihnen auf den Seiten des Zentrums für evangelische Predigtkultur die „Homiletisch-liturgischen Exkursionen“, die „Homiletischen Hörboxen“ sowie Hinweise auf die Veröffentlichungen „Vom Hörensagen“ und „Versteckt“ zur Verfügung.


Hier stehe ich und kann nicht anders! Martin Luther (1521)
 
Wo stehen wir heute?
Günter Jacob (1933)
 
Wer hält stand?
Dietrich Bonhoeffer (1943)
 
Ich bin der Weg…
Joh 14,6
Eintrag vom
Los jetzt!
Dante hatte sich entschlossen, seine Commedia divina im volgare zu verfassen. Er erfand ein sermo humilis,  der verschiedene Sprachebenen nebeneinander stehen ließ. Für aufmerksame Klassiker unter seinen Lesern, bot dies durchaus Anlass zu Kritik. In seiner neuen Sprache begann Dante nicht nur seinen literarischen Ausdruck zu verändern, er las die Wirklichkeit neu:
Als Dante das Paradies durchwandert, gelangt er schließlich in den zehnten Himmel, das Empyreum, das ist „der unräumliche Raum Gottes und der Seligen“. Man hat die überwältigende Darstellung des Gustave Doré vor Augen, zumindest erinnert man sich sofort, wenn man sie wieder sieht:
Pura luce:
Luce intellectual, piena d’amore;
Amor di vero ben, oien di letizia;
Letizia che trascende ogne dolzore.

 

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Eintrag vom
sermo humilis
Der deutsche Literaturwissenschaftler und Romanist Erich Auerbach verfasste in seinem amerikanischen Exil, in dem er bis zu seinem Tod 1957 lebte, eine Studie zum sermo humilis. Darin beginnt Auerbach mit der Lektüre einer Predigt von Augustinus und stellt fest, dass „diese rhetorische Art des Ausdrucks im ganzen und alle ihre Formen […] der antiken Schultradition“ entstammen. Zu Augustins‘ Zeiten um 400 war „die ungebildete oder halbgebildete Ausdrucksweise, für antike Ohren peinlich ungriechische oder unlateinische Ausdrucksweise der urchristlichen Literatur“ nicht mehr bestimmend.
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Eintrag vom
minderheitlich werden

Das Gedenken und Jubilieren der 500 Jahre Reformation wird unterwandert von der Jahreszahl 1917. Wobei ‚Luther 1917‘ im Rausch des Ersten Weltkrieges davon nichts mit bekam. Die vergessene Vorgeschichte der eigentlichen Unterwanderung von 1917 findet sich in einem Tagebucheintrag des Dadaisten, Reformations- (und Erste-Weltkriegs-) Kritikers und Homiletikers Hugo Ball. Er notierte am 7. Juli 1917 im Schweizerischen Mogadino:


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Eintrag vom
Anderswo

Ein Leser mit notorischen Unterwanderungstendenzen ist der französische Philosoph Jacques Derrida. Unter den Referenzen seiner Lektüremethode, der Dekonstruktion, findet sich der Begriff der destructio von Martin Luther.  Die besondere Perspektive aber, die sich an dieser Stelle öffnet, besteht in der Tatsache, dass Jacques Derrida ein ausgiebiger Leser des Augustinus war.
 


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Eintrag vom
Licht und Schatten
Martin Luther war fast zwanzig Jahre seines Lebens Augustiner(-Eremit). Die prägende Kraft einer solchen Lebensform hat sich unter die Adiaphora des Gedenkens und Jubilierens der 500 Jahre Reformation verkrümelt. Dabei könnte sie als Schlüssel zu Luthers Glauben, Denken und Reformieren gelesen werden. Auf den Namenspatron dieses Ordens bezogen kommt man an einer Schlüsselstellung kaum vorbei. In diesem Sinne blieb Martin Luther Zeit seines Lebens Augustiner. Oder sollte man sagen, er wurde Augustinist und die Lebensform schrumpfte zur Überzeugung?
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