Blog von Dietrich Sagert


Unterwanderungen
 
Denken gehört zum Predigen wie die Arbeit an Sprache und Manuskript und das Üben an Sprechen und Auftritt.
Lesend macht sich das Denken auf den Weg. Es gewährt damit zugleich einem Begriff Einlass in seinen denkerischen Vollzug, der einer schlichten aber auch einer komplex lehrhaften Wiederholung meist entgeht: die Differenz.
Jene kleinen Verschiebungen, Abweichungen, Unterwanderungen von dem, was man gewohnt ist – also immer nur erkennt, weil man es schon kennt – bilden den entscheidenden Unterschied zwischen Selbstreferenz und einer denkerischen Praxis, zwischen Selbstbespiegelung und einer spirituellen Praxis, zwischen Selbstdarstellung und einer homiletisch-liturgischen Praxis.

Auf diese kleinen Unterschiede wird es ankommen!

Hier im Blog erscheinen im lockeren Drei-Wochen-Rhythmus neue Texte. Weiterhin stehen Ihnen auf den Seiten des Zentrums für evangelische Predigtkultur die „Homiletisch-liturgischen Exkursionen“, die „Homiletischen Hörboxen“ sowie Hinweise auf die Bücher „Vom Hörensagen“ und „Versteckt“ zur Verfügung.



 


 

 
 
Eintrag vom
Große(s) Leuchten und kleine Lichter
In dem kleinen toskanischen Städtchen Bagno Vignoni befindet sich, wie der Name schon sagt, ein altes Bad, ein Thermalbad. Es ist der Heiligen Katharina von Siena gewidmet und steht im Zentrum des Filmes „Nostalghia“ von Andrej Tarkowskij. In Tarkowskijs Film wohnen in einem an das Bad angrenzenden Hotel die Kurgäste. Unter ihnen ein russischer Dichter. Er erscheint als lustloser Typ, bis er den merkwürdigen ehemaligen Mathematikprofessor Domenico trifft, der seinerseits vom Ende der Welt besessen ist, mehr noch davon, die Welt zu retten. Zwischen beiden entwickelt sich eine doppelgängerhafte Komplizenschaft. Bei einer Begegnung in seinem Haus bittet Domenico den Russen um einen Gefallen. Er solle eine brennende Kerze von einem Ende des Heilbeckens zum anderen tragen, sie dürfe dabei nicht verlöschen.
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Eintrag vom
OST
In einem Interview aus dem Jahre 1990, in dem es auf die Rolle der Kirchen in der ehemaligen DDR kam, sagte Heiner Müller: „Aber die Kirche konnte einfach Phantasieräume besetzen, die durch eine dilettantische Praxis vakant geworden waren“.1 Dieser Satz entfaltet seine aktuelle Brisanz vor dem Hintergrund eines anderen Gedankens von Heiner Müller, der das Preußen Kleists und in seiner Folge die ehemalige DDR als „eine Erdbebenzone“ beschreibt, „von Verwerfungen bedroht, angesiedelt auf dem Riss zwischen West- und Ostrom, Rom und Byzanz, der in unregelmäßigen Kurven durch Europa geht, blitzhaft sichtbar, wenn nach dem Verlust einer bindenden Religion oder Ideologie, die alten Stammesfeuer wieder gezündet werden“.
Ein Seismograph dieser Erdbebenzone war Hugo Ball.
 
1 I Heiner Müller, Werke 11, Gespräche 2, 1987- 1991, Frankfurt/M. 2008, S. 531.
2 I  Heiner Müller, „Für alle reicht es nicht“, Texte zum Kapitalismus, Berlin 2017, S. 236f.

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Wie tief uns der Schrecken traf
Der harsche Kritiker des Ersten Weltkrieges und Martin Luthers, was bei ihm beinahe auf eines hinauslief (!), Hugo Ball, war kein ausgiebiger Leser der Schriften Augustins. Auf der Suche nach der Sprache Gottes, die im Kriegsgeschrei von den Kanzeln der Kirchen Europas verschwunden war, hatte er seine Sprachexperimente auf der Dada-Bühne des Züricher Cabaret Voltaire mit Dionysius Areopagita verbunden und war zu der Erkenntnis gelangt, dass dieser Augustinus an Bedeutung für die Zukunft des Christentums überrage.1 Als er sich aber über den Verlauf seines Lebens Rechenschaft zu geben versuchte, die „Kurve seiner Konversionen“ nachzeichnete, begann Hugo Ball mit der Lektüre der Confessiones und stellte seinem redigierten Tagebuch „Die Flucht aus der Zeit“ von 1927 folgendes Motto des Augustinus voran:
 
 1 I Vgl. Hugo Ball, Byzantinisches Christentum. Drei Heiligenlegenden, Göttingen 2011, S. 174, Fußnote 4. Im Übrigen könnte man Dada als sermo humilis lesen.

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Extra: Zwei Zentren (F) – eine Ellipse
(F1) – Homiletischer Imperativ
Als der junge Helmuth James von Moltke im Jahre 1927 die Lebensbedingungen im nur dreißig Kilometer von Kreisau entfernten niederschlesischen Bergbaugebiet zahlenmäßig zu untersuchen half – zu der Zeit lebten in dieser Gegend doppelt so viele Menschen pro Quadratkilometer wie im Ruhrgebiet „auf einem vom Bergbau unterhöhlten, absackenden, nassen Grund, so dass viele Familien buchstäblich in Löchern hausten1 – , wurde er schnell zum aktiven Teil einer schlesischen Bürgerinitiative.
 
(F 2)  – Der Mensch ist ein liturgisches Tier
Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 verließ Eugen Rosenstock-Huessy Deutschland und wanderte aus in die USA. Dort verfasste er Ende der 40er Jahre für die Zeitschrift einer Benediktiner-Abtei einen Beitrag zum Thema „Liturgisches Denken“. Rosenstock hatte seine angewandte Seelenkunde in der Liturgie wieder erkannt. Oder soll man sagen, er hatte ihren eigentlichen Ort in der Liturgie gefunden?
 
1I Jochen Köhler, Helmuth James von Moltke. Geschichte einer Kindheit und Jugend, Hamburg 2008, S.201.

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luther minor
Martin Luther hat den deutschen Sprachimpuls entschlossen wieder aufgegriffen.  –  Erich Auerbach sah in der sermo humilis ein pfingstliches Wirken1  –  Und ganz in diesem pfingstlichen Sinne hat Luther dem deutschen sermo humilis mit seiner Bibelübersetzung zu einem überwältigenden Durchbruch verholfen.

Luthers Bezugnahme auf Augustinus von Hippo kann auch dabei kaum überschätzt werden. Seine Mitgliedschaft im Augustinerorden der strengen Observanz war nicht nur seiner legendären Angst vor Gewittern geschuldet, sondern hing direkt mit seiner zentralen theologischen Frage nach dem gnädigen Gott zusammen.
 
1 Martin Vialon, Kommentar zu Erich Auerbach, Ein Brief aus Istanbul an Freya Hobohm in Marburg, in Trajekte, Nr. 9, 5. Jahrgang, Oktober 2004, S14f.

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ledic stâ
Die Erfindung eines sermo humils in deutscher Sprache war für den Dominikanermönch, den man Meister Eckhart zu nennen gewohnt ist, im Vergleich zu Dante anders motiviert. Eckhart’s bevorzugte deutsche Ausdrucksform war die Predigt. Und so überraschend es auch erscheinen mag, für Meister Eckhart war eine Predigt so etwas wie eine Denkwerkstatt. Seine deutschen Predigten stehen seinen lateinischen Vorlesungen und Schriften in nichts nach.1 Er ging nicht nur im Sprechen, sondern auch im Denken neue Wege, teilte sie seinen Predigthörerinnen und  -hörern mit und traute sie ihnen somit zu.
 
1 Vgl. Kurt Flasch, Meister Eckhart. Philosoph des Christentums, München 2010, S. 226f.

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Los jetzt!
Dante hatte sich entschlossen, seine Commedia divina im volgare zu verfassen. Er erfand ein sermo humilis,  der verschiedene Sprachebenen nebeneinander stehen ließ. Für aufmerksame Klassiker unter seinen Lesern, bot dies durchaus Anlass zu Kritik. In seiner neuen Sprache begann Dante nicht nur seinen literarischen Ausdruck zu verändern, er las die Wirklichkeit neu:
Als Dante das Paradies durchwandert, gelangt er schließlich in den zehnten Himmel, das Empyreum, das ist „der unräumliche Raum Gottes und der Seligen“. Man hat die überwältigende Darstellung des Gustave Doré vor Augen, zumindest erinnert man sich sofort, wenn man sie wieder sieht:
Pura luce:
Luce intellectual, piena d’amore;
Amor di vero ben, oien di letizia;
Letizia che trascende ogne dolzore.
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sermo humilis
Der deutsche Literaturwissenschaftler und Romanist Erich Auerbach verfasste in seinem amerikanischen Exil, in dem er bis zu seinem Tod 1957 lebte, eine Studie zum sermo humilis. Darin beginnt Auerbach mit der Lektüre einer Predigt von Augustinus und stellt fest, dass „diese rhetorische Art des Ausdrucks im ganzen und alle ihre Formen […] der antiken Schultradition“ entstammen. Zu Augustins‘ Zeiten um 400 war „die ungebildete oder halbgebildete Ausdrucksweise, für antike Ohren peinlich ungriechische oder unlateinische Ausdrucksweise der urchristlichen Literatur“ nicht mehr bestimmend.
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minderheitlich werden

Das Gedenken und Jubilieren der 500 Jahre Reformation wird unterwandert von der Jahreszahl 1917. Wobei ‚Luther 1917‘ im Rausch des Ersten Weltkrieges davon nichts mit bekam. Die vergessene Vorgeschichte der eigentlichen Unterwanderung von 1917 findet sich in einem Tagebucheintrag des Dadaisten, Reformations- (und Erste-Weltkriegs-) Kritikers und Homiletikers Hugo Ball. Er notierte am 7. Juli 1917 im Schweizerischen Mogadino:


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Eintrag vom
Anderswo

Ein Leser mit notorischen Unterwanderungstendenzen ist der französische Philosoph Jacques Derrida. Unter den Referenzen seiner Lektüremethode, der Dekonstruktion, findet sich der Begriff der destructio von Martin Luther.  Die besondere Perspektive aber, die sich an dieser Stelle öffnet, besteht in der Tatsache, dass Jacques Derrida ein ausgiebiger Leser des Augustinus war.


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Eintrag vom
Licht und Schatten
Martin Luther war fast zwanzig Jahre seines Lebens Augustiner(-Eremit). Die prägende Kraft einer solchen Lebensform hat sich unter die Adiaphora des Gedenkens und Jubilierens der 500 Jahre Reformation verkrümelt. Dabei könnte sie als Schlüssel zu Luthers Glauben, Denken und Reformieren gelesen werden. Auf den Namenspatron dieses Ordens bezogen kommt man an einer Schlüsselstellung kaum vorbei. In diesem Sinne blieb Martin Luther Zeit seines Lebens Augustiner. Oder sollte man sagen, er wurde Augustinist und die Lebensform schrumpfte zur Überzeugung?
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