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Schnipsel, Zufälligkeiten, halbe Werkstücke, liturgische Kleinigkeiten.
Dies ist der Ort, an dem wir sie eine Weile aufheben.






Montag, 11. April 2022
Gebet zur Mitte der gottesdienstlichen Aufführung der Markuspassion von Jan Bender (nach Teil I+II) in der Schlosskirche Wittenberg
am Palmsonntag 2022


Zu Dir kommen wir, Gott. 
Abba, Vater, Lebendige.
„Hosianna“ klingt es wie von Ferne.

Aber ganz nah dröhnen diese Töne: 
Vom Verrat ohne Grund. 
Von einem Urteil ohne Recht.
Vom nahen Tod ohne Schuld.
Von Deinem Tod, Bruder, 
Du geschmähter, verwundeter Gott.

Was für ein Echo findet das bei mir.
In meiner Seele.
In Bildern von ausgekohlten Häusern.
Von Menschenleben, vernichtet wie nichts.
Schreie gegen den Krieg. Nach Gerechtigkeit.
Und sie verhallen.

Durstig nach Frieden rufen wir: 
Nimm das weg mit Dir.
Den grauenvollen Krieg: 
Reiße den in den Tod.
Den Hass: 
Lass ihn nicht am Leben.
Nimm auch meine Ohnmacht auf Dich. 
Und all das Schulterzucken.

Hungrig nach Leben bitten wir:
Schlage aus Deinen Wunden Lebensfunken in die Nacht.
Gott, Herr, Bruder. 
Du leidest, aber siegst.
Du stirbst, aber alles wird neu. 
Aus Dir!

Ach, dass ich das höre!

Amen
(Peter Meyer) 






25. März 2022
Exsultet der Osternacht

ein Extra von Szenario: Exsultet chorisch
Der Lobgesang des Osterlichtes gehört traditionell in die Osternacht. Das Exsultet in den Zusammenhang einer liturgisch-szenischen Einrichtung zu bringen, bedeutet, ein altes liturgisches Stück szenisch zu öffnen für Mehrstimmigkeit. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, diesen Text, der für heutige Ohren befremdlich bis in die religionsgeschichtlichen Tiefen der griechischen Tragödie hinabreicht (Jan Kott), im Vollzug zu demokratisieren.

Dazu braucht es zwei Dimensionen... weiterlesen in Szenario





6. März 2022
Wittenberger Predigten
Sonntag Invokavit, Stadtkirche Wittenberg


Zuvor: 
Kantate Es ist das Heil uns kommen her (BWV 009), Teil I
endet mit Tenorarie:
 
Wir waren schon zu tief gesunken, 
der Abgrund schluckt uns völlig ein,
die Tiefe drohte schon den Tod,
und dennoch konnt in solcher Not
uns keine Hand behülflich sein.
 
Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und von dem Herrn Jesus Christus!
 
Der Text taumelt zuerst. Dann gerät die Melodie ins Trudeln. Schon reißen die Worte die Töne und die Töne die Worte mit sich: „Der Abgrund schluckt uns völlig ein. Die Tiefe drohte schon den Tod.“ So geht es. In Bachs Kantate. Und in Wittenberg auch. 
Jedenfalls taumelte es in Wittenberg, vor Sonntag Invokavit 1522. Ja, zuerst taumelt es nur: 
 
Ein Priester und eine junge Frau feiern Hochzeit. Jeder Mann auf dem Markt sieht das. Jede Frau in der Hofeinfahrt. Jedes Kind, das seinen Kreisel über die Gasse treibt. Sie staunen. Und palavern darüber.
Es taumelt: Ordensleute hängen die Kutte an den Nagel. Und ihre Gelübde gleich daneben. 
Durch das Gewölbe hallten neulich die Worte der Messe, was sonst. Aber das ist schon krass! Mit offenen Mündern hört der Schuster, lauscht die Bauersfrau. Sie verstehen jedes Wort. Hören ihre eigene deutsche Sprache. 
Wie ein Lauffeuer rast es durch die Stuben, über Gartenzäune: „Komm, Bruder, auch du trinke jetzt aus dem Kelch beim Abendmahl!“ „Schluss mit dem Fasten. Das braucht Gott nicht.“ „Lass die Beichterei. Die haben die Pfaffen erfunden!“
Manche raunen: „Propheten sind in der Stadt!“ „Von weit her!“ „Mit direktem Draht zu Gott!“, staunt man am Schlosstor. „Mit direktem Draht zum Teufel!“, stöhnen die Gelehrten in der Collegienstraße. 
Und dann schleppt auch noch einer ein Bild aus St. Marien, auf Zehenspitzen. 
 
Da ist aus dem Taumeln schon ein Trudeln geworden. Jedenfalls genug, um einige: „Alarm!“ rufen zu lassen „Die Sache läuft aus dem Ruder!“ Worte reißen Taten und Taten reißen Worte mit. Glaubensfragen brechen auf. Fronten entstehen. 
 
Da knarrt Holz, dort drüben, am Pfeiler, am Sonntag Invokavit vor einem halben Jahrtausend. Die schmale Treppe hinauf zur alten Kanzel ächzt. Hälse recken sich. Das wohlbekannte Gesicht erscheint. Luthers Gesicht. Er predigt schon, da hat er den Mund noch nicht aufgemacht. Frisch rasiert, wie er dasteht, die Tonsur exakt geschnitten, in seine Kutte gehüllt. Professor Luther? Prediger vor dem Herrn? Held vom Reichstag zu Worms? Heute steht da Bruder Martin, das Mönchlein aus dem Schwarzen Kloster. Für den Moment taumelt und trudelt nichts. Eine Stecknadel kannst Du fallen hören.
 
[Aus Luthers Predigt, Invokavit 1522]
Wir sind allesamt zu dem Tode gefordert und wird keiner für den andern sterben. Sondern ein jeglicher wird in eigener Person für sich mit dem Tode kämpfen. In die Ohren können wirs wohl schreien, aber eine jeglicher muß für sich selber bereit sein in der Zeit des Todes. […] Wir sind alle Kinder des Zorns. 
 
Ich glaube, jeder hier versteht sofort, warum er so anfängt. Mit Tod und mit Zorn. 
Vielleicht sogar besser als die Wittenbergerinnen und Wittenberger vor 500 Jahren.
Ich sehe es ja seit zehn Tagen auf jedem Programm. Es schnürt mir die Kehle zu. Hat die längst vergessene Angst in der Magengrube geweckt. Dabei bin ich doch nur ein Zuschauer von Tod und Zorn. Vom Krieg.
Ich sehe und realisiere: Alle Errungenschaften bewahrten nur scheinbar davor. Die schönsten Worte. Feierlich verkündete Verträge und gewachsene Zusammenarbeit. 
Nie schützte das nackte Leben mehr als eine zarte Hülle. Nie liegt mehr als diese zarte Hülle über Tod und Zorn. Friede ist nur ein Glückshauch, der über Machtlust und Hass balanciert.
Wir sitzen hier, sorgen uns, beten, helfen nach Kräften. In der Ukraine, kaum 800 km Luftlinie von hier, ist alles brutal real. Jede Detonation, jeder Schrei. Wie wahr:
Wir sind allesamt zu dem Tode gefordert. Keiner wird für den andern sterben.
 
Ich sehe also vor meinem inneren Auge, wie Martin über seinen Predigtanfang grübelt. Vorm groben Holztisch, noch auf der Wartburg. Wie er Berichte Revue passieren lässt. Von den Reförmchen und Revolten, die in Wittenberg erdacht und gemacht werden. Wie er sich ausmalt, was daraus werden kann: Wenn aus dem Evangelium von Jesus Christus eine Ideologie wird. Und aus Kirchenreformen, so dringlich sie sind, eine Frage nach Freund und nach Feind. Nach Front – und Sieg. 
Da entschließt er sich, so anzufangen. Denn wenn Ihr schon Glaubensfragen stellt, Ihr Wittenberger, bleibt nicht auf halbem Wege stehen! Geht auf den Kern. Auf die erste Einsicht des Glaubens. Bachs Kantate klingt danach. Jede Nachricht aus der Ukraine schreit davon. Und Martin setzt es an den Anfang:
Ich Menschlein bin aus mir selbst nichts. Immer zu tief gesunken. Zu allem Unheil fähig. Niemals klug. Wenn ich die besten Absichten habe, irre ich mich doch. Rohes Menschsein, zu dem Tode gefordert. Kinder des Zorns.
 
Im Abgrund dieser Ehrlichkeit lernst Du erst, was Glauben heißt. Und ahnst erst dann: Wie sich die süße Seele des Glaubens bemerkbar macht. In Martins Worten:
 
[Aus Luthers Predigt, Invokavit 1522]
Der Glaube ohne Liebe ist nicht genug, ja nicht einmal Glaube, sondern ein (bloßer) Schein des Glaubens, wie ein Angesicht im Spiegel gesehen nicht ein wahres Angesicht ist, sondern nur ein Schein des Angesichts. 
Uns ist die Geduld not. Die Geduld wirkt und bringet die Hoffnung, welche sich frei ergibt und in Gott schwinget, und so nimmt der Glaube durch viele Anfechtung und Anstöße immer zu und wird von Tag zu Tag gestärkt. Solches Herz, mit Tugenden begnadet, kann nimmer ruhen noch sich still verhalten, sondern ergießt sich wiederum zu dem Nutzen und Wohltun an seinen Brüdern, wie ihm von Gott geschehen ist. 
 
Ohne Liebe ist nicht genug! Komisch, dass dafür ein Reformator auf die Kanzel muss, eigentlich. Du siehst das doch tagtäglich. Wie Nutzen und Wohltun an den Geschwistern geübt wird. 
Wenn die Marktfrau am Gemüsestand mit ihren kräftigen Händen zehn Cent zu wenig herausgibt. Wer unterstellt dann böse Absichten? 
Und natürlich gibst Du die zwei Euro zu viel zurück, die der Verkäufer beim Bäcker nebenan in morgendlicher Eile über die Theke gehen ließ. Dahinter steckt keine Angst vor Entdeckung und kein Gesetz. Dahinter steckt nur die Lust daran, anderen zu nutzen und wohlzutun!
 
Vor zwei Jahren brach ich mit meiner Frau auf. Drückend war’s. Gewitter lagen in der Luft über Wittenberg. Eine Probewanderung mit schwerem Gepäck. Wir kamen bis zur Berliner Chaussee, nicht weiter, da übersah sie einen niedrigen Bordstein. Knickte um. Schreck, Schmerz, Schwüle – schon lag sie aufm Bürgersteig. 
Noch im selben Moment hielt ein Auto neben uns. Wildfremde Menschen auf dem Weg zum Familienbesuch. Boten Hilfe an. Chauffierten uns zum Krankenhaus. Ohne Eile. Ohne allzu viele Worte. Vergnügt. 
 
Ohne Liebe ist nicht genug! Uns ist die Geduld not. So selbstverständlich, so grenzüberschreitend ist das. Ja, schau Dich nur um, in Deiner Bank, vor Dir, hinter Dir: Jede und jeder hier ist ein zartes Menschlein. Zerbrechlich, ob alt oder jung. Mit der großen Gnade, für eine kleine Zeit hier zu sein. Drum aller Liebe wert! Natürlich, was sonst?
Und doch geht Bruder Martin damit auf die Kanzel. Weil es dieses Gift gibt. Es ist zur Stelle, sobald es ans Eingemachte geht. Wenn Glaubensfragen aufbrechen. Dann schleicht sich die giftige Idee in die Köpfe, auch in meinen. Dann geht es ums Rechthaben. Darum, zu gewinnen und sich durchzusetzen. 
Deswegen geraten Nachbarn in erbitterten Streit. 
Deswegen wähnt sich der Diktator im Recht oder immerhin irgendwie problemlos in der Lage dazu, sein Nachbarvolk mit Krieg zu überziehen. Die eigenen Leute in den Kampf zu kommandieren, Sterben und Tod einkalkuliert. Menschen, die Eltern haben und Träume. 
Deswegen wird ein Virus, eine Pandemie gegen das nackte Leben, zum Anlass für bittersten Streit. 
Und aus dem Evangelium von Jesus Christus ein Kampfbegriff, nicht nur 1522 in Wittenberg. 
Weil es scheint, als lasse fester Glaube nur diese Wahl. „Ich lass mich nicht verbiegen!“
Tragisch. Falsch!
 
[Aus Luthers Predigt, Invokavit 1522]
Merk ein Gleichnis: Die Sonne hat zwei Dinge, den Glanz und die Hitze. Es ist kein König so stark, dass er den Glanz der Sonne biegen oder lenken könne, sondern der bleibt an seiner Stelle. Aber die Hitze läßt sich lenken und biegen und ist allwegs um die Sonne. Ebenso muß der Glaube allezeit unbeweglich in unsern Herzen bleiben und wir dürfen nicht davon weichen, sondern die Liebe beugt und lenkt sich, (daß) unser Nächster (sie) zu begreifen und (ihr zu) folgen vermag. 
 
Der Glaube muss unbeweglich bleiben! Die Liebe beugt und lenkt sich!
Dafür braucht es Martin auf der Kanzel. Und deswegen ist es auch 500 Jahre später noch so wichtig, dem Trudeln auf den Grund zu gehen. Diesen Grund:
Wer felsenfest glaubt. Oder doch wenigstens spürt: Mein Glaube ist mehr als eine fixe Idee, die ich mir gestern selbst zurechtgelegt habe, wie Klamotten für den nächsten Tag. Mein Glaube ist ein Glanz, von Gott in die Seele gelegt. 
Wer so glaubt oder so ähnlich – verbiegt sich. Verbiegt sich für jedes noch so zarte Menschlein. Für jedes! Nackte! Leben!
Wer so glaubt, stürzt sich in die Geschichte von der Passion Jesu. Wie der sich verbog. Wie der sich für andere verbog. Sich dem Zorn beugte und dem Tod. Liebevoller als Martin Luther, der ja auch nur Menschlein war. Und selbst aus Menschen Feinde machte. Es predigt sich immer leichter als es sich lebt.
 
Ich stelle mir vor: Wir berühren immerhin Grund solch festen Glaubens. Und verbiegen uns darum. Ach, träumt für einen Moment mit!
Ich kümmere mich nicht mehr darum, ob mein eigenes Weltbild hält. Ob meine eigene Idee davon, wie Frieden aussieht, Kratzer bekommt, angesichts der waffenstarren Gewalt. 
Ich kümmere mich nur darum, für den Frieden zu streiten. Auch wenn ich nur ein Wort in die Waagschale werfen kann, wie Tröpfchen in den Ozean. Meist stammele. Oft ratlos bin. Gerade so!
Träumt noch mehr, vom Glauben, der sich verbiegt:
Keiner schlägt mehr die Trommel, weil er meint: Meine Entfaltungsmöglichkeit wird beschnitten!
Aber jede und jeder rührt die Trommel für eine andere. Die nicht zu Wort kommen. Sich nicht mehr aus dem Haus traut. 
Träumt auch von der Angst. Von der Angst, die kleiner wird. Angst vor Kosten und Mühen, die uns treffen könnte. 
Aber: Die Verwundung der Welt. Die es noch immer und schon wieder und andauernd gibt. Von der Granate im Wohnblock von Mariupol oder der Mine auf der Landstraße in Afghanistan. Lässt keinen mehr ungerührt. Bis Frieden ist.
 
So geht es, wenn Glaube in die dunkelste Tiefe reicht. Dem Trudeln nicht ausweicht und dem Taumeln auch nicht. Im Abgrund erwacht er zum Leben. 
 
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne ist Christus Jesus.
 
Danach:
Kantate, Teil II
(Peter Meyer)