Eintrag vom
Advent: Sehnsucht
(Siehe auch die www.homiletische-exkursion.de  und www.homiletische-hoerbox.de )
„Sehnsucht kommt aus dem Chaos … ist die einz‘je Energie … eine Sucht“ heißt es im spektakulären Titel „Sehnsucht"1  der Berliner experimental Band „Einstürzende Neubauten“. Es wurde auf ihrem Album „½ Mensch“ (1985) veröffentlicht und gleicht nicht nur einem Schrei. 

Dass eine derartige Sehnsucht etwas mit dem christlichen Advent zu tun bekommen könnte, erscheint zunächst befremdlich. Macht man sich jedoch klar, dass Advent jenseits aller bürgerlich-kirchlichen Besinnlichkeit vor allem einem Zeitsturm gleichkommt, hört sich das schon anders an.

Versteht man nämlich den ersten Advent, wie es sich seit dem 5./6. Jahrhundert stabilisiert hat, „als eine Art liturgisches Neujahr, so kommt man in eigentümliche Zeitverhältnisse: Die Zeit post Christum natum beginnt ante Christum natum. Die Adventsliturgie versteht die vier Wochen vor Weihnachten als Mimese der alttestamentlichen Erwartung des Erlösers“.2 Deshalb setzt der „tonangebende Adventsevangelist"3  Markus, auch mit Jesaja ein (Mk1,2) und eröffnet damit eine großartige Lektüreperspektive.

Die Ankunft des Erlösers gilt als erfüllte Zeit. Doch wird sie schließlich bis zu seiner Wiederkunft auf Dauer gestellt. „‘Die Zeit ist erfüllt‘, ja, aber sie dauert fort."4  Dieser Hiatus wird normalerweise überbrückt bzw. kurzgeschlossen. Zeittheoretisch klingt das so: „Das ante wird als ein ad verstanden, nicht nur chronologisch also, sondern teleologisch."5

Es spricht jedoch einiges vehement dafür, diesen Widerspruch zwischen erfüllter Zeit und ihrer ausgerichteten Fortdauer nicht zu überbrücken. „Es herrscht zwar das Gefühl eines radikalen Bruchs, jedoch mit der wesentlichen Nuance: dass er immer wieder neu zu vollziehen ist. Dieser grundsätzlichen Instabilität entkommt man nicht."6  Und man sollte ihr je länger je weniger entkommen, denn sie bewirkt „eine gewaltige Öffnung"7.

Zeittheoretisch – und eben nicht teleologisch überbrückt – gedacht bedeutet das, dass die „horizontale Aufeinanderfolge der vorübergehenden Gegenwarten den Todeslauf aufzeichnet“. Diese horizontale Aufeinanderfolge entspricht dem chronologischen Ablauf von Zeit. Nun aber, aus ihrem teleologischen Gatter befreit, entspricht „jeder Gegenwart [auch] eine vertikale Linie“, die diese Gegenwart „in der Tiefe mit ihrer eigenen Vergangenheit“ verbindet. Das geschieht ebenso „mit der Vergangenheit der anderen Gegenwarten“.  Untereinander bilden alle diese vergangenen Gegenwarten „ein und dieselbe Koexistenz“, d.h. „ein und dieselbe Gleichzeitigkeit“. Diese ist nun eher als „das ‚Internelle‘ als das Ewige (l’éternel)“ zu verstehen. In dieser Gleichzeitigkeit als einer „reinen Erinnerung sind wir ‚gleichzeitig‘ mit dem Kind, das wir gewesen sind, so wie der Gläubige sich ‚gleichzeitig‘ mit Christus fühlt."8

„Einer schönen Formulierung des heiligen Augustinus zufolge, gibt ‚es eine Gegenwart der Zukunft, eine Gegenwart der Gegenwart, eine Gegenwart der Vergangenheit, alle einbegriffen und aufgerollt im Ereignis, folglich simultan und unerklärlich."9

Ein Ereignis wie die Geburt des Erlösers, „hat dann nichts mehr gemeinsam mit dem Raum, der ihm als Ort dient“, also der Krippe in Bethlehem, „noch mit dem vorübergehenden gegenwärtigen Aktuellen“, also der Gegenwart vor 2000 Jahren. „[D]ie Zeitspanne des Ereignisses endigt, bevor das Ereignis endigt, das Ereignis wird dann eine andere Zeitspanne einnehmen.“ In dieser neuen Zeitspanne des Ereignisses ereignet sich nicht Neues, diese Zeit ist eine „leere Zeit“. In diese leere Zeit lösen wir das vorübergegangene gegenwärtige Aktuelle auf und versetzen „die einmal gebildete Erinnerung“ hinein. Auf diese Weise entdeckt man „eine dem Ereignis innerliche Zeit, die sich aus der Simultaneität“ der drei augustinischen „Gegenwarten zusammensetzt“.10

Diese Turbulenzen in der leeren Zeit charakterisieren den Advent, machen seine Energie aus, erzeugen seine Sucht. Aber man muss es riskieren, sein Ereignis immer wieder neu offen zu lassen, die Zeit leer zu lassen, Platz zu lassen, ihn buchstäblich frei zu räumen im Kirchenraum, damit überhaupt etwas bzw. jemand ankommen kann.

Einzig Rufe ins Offene zählen: Maranatha! „Nun komm, …"11!
 
 
2 I Alex Stock, Poetische Dogmatik, Ekklesiologie, 2. Zeit; Paderborn 2010, S. 123.
3 I  Alex Stock, Poetische Dogmatik. Christologie, 3. Leib und Leben, Paderborn 1998, S. 17.
4 I Bruno Latour, Kampf um Gaia. Acht Vorträge über das neue Klimaregime, Berlin 2017, S.300f mit Verweis auf Gal 4,4.
5 I Alex Stock, Ebd.
6 I Bruno Latour, a.a.O., S. 300. Vgl. Ders., Existenzweisen. Eine Anthropologie der Moderne, Berlin 2014, S. 409ff, bes. S. 421-423.
7 I Bruno Latour, Kampf um Gaia, S. 299.
8 I Gilles Deleuze, Das Zeit-Bild. Kino 2, Frankfurt/M. 1997, S. 124f.
9 I A.a.O., S. 135. So geht Gilles Deleuze in seiner Rezeption der Zeittheorie von Charles Péguy, auf den auch Bruno Latour rekurriert, direkt auf Augustin (Conf. XI. Vgl. Kurt Flasch, Augustin. Einführung in sein Denken, Stuttgart 42013, S. 269-286) zurück. Anschließend schlägt er die entscheidende Brücke zur Ereignistheorie und ihren Zeitimplikationen von Henri Bergson.
10 I Ebd.
11 I Martin Luther 1524; BWV 61.

 

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