Eintrag vom
Wer da?
Der berühmteste Student der lutherischen Universität Wittenberg ist Hamlet. Glaubt man William Shakespeare, so hat Hamlet an Martin Luthers Universität in Wittenberg studiert.Als Luthers Schüler wird Hamlet im Allgemeinen nicht verstanden, obwohl einige seiner bekannten Sätze sich passgenau auf lutherische Positionen beziehen lassen.

So die einfache Frage „Wer da?“, mit der sein Stück beginnt.2  „Wer da?“ ist nämlich die entscheidende Frage auf die Aussage des Paulus im Römerbrief, der Glaube komme aus dem Hören, ex auditu.

Hamlet auf Luther zu beziehen heißt, Texte gegen den Strich zu lesen. Um es mit den Worten des englischen Theaterregisseurs Gordon Craig zu sagen: „Sehen Sie, es wäre gut, ab und zu etwas auszuprobieren, ganz und gar absurde Versuche zu machen. Es ist unwichtig, ob diese Versuche gelingen oder nicht. Es wäre gut, sie zu machen. Zum Beispiel mit Shakespeare. Ich werde Ihnen das erzählen. Es wäre eine ganz und gar schreckliche Vorgehensweise… Wenn man ein Viertel des Textes nicht sagte… Weil, verstehen Sie, es geht den großen dramatischen Texten jetzt wie den Gebeten im Gottesdienst. Wenn ein Schauspieler beginnt: To be or not to be… und so weiter und so weiter, ist es als sagte er: ‘Vater unser, der du bist im Himmel’ und so weiter und so weiter, … man weiß, worum es geht.  – Nein. Genug davon…“3

Es ist Nacht auf Schloss Helsingör an der dänischen Küste. Stellen wir uns leichten Nebel vor. Es ist diesig, wie man sagt. Wachen gehen in Rufweite auf und ab. Es schlägt Zwölf und ein Wächter mit Namen Bernardo, unterwegs zum Wachwechsel auf seinen Posten, hört etwas und ruft:

Wer da?

Oder – wir wechseln in Heiner Müllers Übersetzung4:

Wer ist da?

Und der Wächter auf seinem Posten, Francisco mit Namen, antwortet:
Nein, antwortet mir. Steht und zeigt Euch!
Bernardo antwortet:
Lang lebe der König.
Und Francisco ruft den, den er erwartet:
Bernardo?
Und der bestätigt:
Er.

Dann sehen sie sich und begrüßen sich:
Francisco: Du kommst gewissenhaft auf deine Stunde.
Bernardo: Es ist Schlag zwölf. Scher dich ins Bett, Francisco.
Francisco: Für deine Ablösung den besten Dank. `s ist bitter kalt und mir ist flau ums Herz.
Bernardo: War deine Wache ruhig?
Francisco: Keine Maus hat sich gerührt.
Bernardo: Nun, Gute Nacht! Wenn du Horatio und Marcellus triffst, die mit mir Wache stehn, treib sie zur Eile.

Francisco glaubt sie zu hören und wir erleben die Prozedur zur Bestätigung noch einmal:
Francisco: Halt, Ho! Wer ist da?
Horatio: Freunde von diesem Boden
Marcellus: Und Vasallen Dänmarks

Francisco ist schon im Weggehen begriffen und ruft ihnen entgegen:
Euch gute Nacht.
Marcellus ist als erster angekommen und antwortet:
Leb wohl Soldat. Wer hat dich abgelöst?
Francisco: Meinen Platz hat Bernardo. Und gute Nacht
Francisco geht ab und Marcellus ruft zu Bernardo:
Holla, Bernardo!

Bernardo sieht ihn noch nicht und ruft:
Wer – He, ist Horatio hier?
Horatio ist fast da und sagt:
Ein Stück von ihm.
Und einen Moment später begrüßen sie sich:
Bernardo: Gruß Euch, Horatio, Gruß Euch auch, guter Marcellus.

In dieser kleinen Anfangsszene (I, 1) – einem klassischen Wachwechsel – bekommen wir ein ganzes Konzept vorgeführt, das punktgenau auf die paulinische Aussage ex auditu trifft.

Ex auditu ist die lateinische Version eines zentralen Begriffes aus dem Römerbrief des Paulus im Zusammenhang mit dem Glauben und heißt auf Deutsch: aus dem Hören. Wenn man wissen will, was das bedeutet, ex auditu bzw. aus dem Hören, dann kann man verschiedene Fragen stellen. Die Frage, die Shakespeare uns hier vorschlägt lautet:

„Wer da?“ oder „Wer ist da?“  Als Antwort auf diese Frage, gibt man sich zu erkennen, wie in unserer Szene. Herrscht an diesem Punkte Unklarheit wird die Frage „Wer ist da?“ verstärkt durch die Aufforderung: „Steht und zeigt euch!“ Dann begrüßt man sich und beginnt, sich auszutauschen und dieser Austausch mündet in eine Begegnung, was so viel ist wie ein  Experiment, also eine Versuchsanordnung, eine neue Erfahrung.

Horatio: Nun, hat das Ding sich wieder gezeigt heute Nacht?
Bernardo: Ich habe nichts gesehn.
Marcellus: Horatio sagt,`s ist unsre Phantasie und will dem Glauben sich nicht unterwerfen an dieses Schreckbild, zweimal gesehn von uns. Deswegen bat ich dringend ihn, zu wachen mit uns durch die Minuten dieser Nacht, damit, wenn wiederkommt diese Erscheinung, er Augenzeuge sei und spricht sie an.
Horatio: Pah, sie wird nicht kommen.
Bernardo: Setzt Euch eine Zeit. Noch einmal wolln wir Euer Ohr belagern, das so verschlossen ist unserm Bericht, was wir zwei Nächte sahn.
Horatio: Schön, sitzen wir und hören, was Bernardo sagt davon.

Bei der Einführung in die Versuchsanordnung ist es ebenfalls entscheidend, wer etwas sagt, nämlich derjenige, der eine Erfahrung schon gemacht hat. Das besondere an dieser Schilderung ist, dass die Erzählung zusammenfällt mit einer Wiederholung der Erfahrung:

Bernardo beginnt von der Erscheinung eines Geistes5 zu erzählen und der Geist des verstorbenen Vaters erscheint wieder. Diesmal sieht ihn nicht nur der Soldat, sondern der extra hinzugezogene Freund von Hamlet, Horatio, der übrigens auch in Wittenberg studiert hat. Dieser Freund wurde hinzugezogen, um nun seinerseits seine Erfahrung Hamlet zu Gehör bringen zu können. Wieder kommt es auf das „Wer“ an.

Die nächste Szene (I, 2)  spiegelt direkt unsere Anfangsszene. In ihr trifft Horatio am nächsten Morgen auf Hamlet und berichtet ihm von dem, was er nachts gehört und gesehen hatte. Die Szene zwischen Horatio und Hamlet ist eine Variation der ersten geschilderten Szene: Damit etwas gehört werden kann, muss wieder festgestellt werden, wer spricht. Aber die Erzählung des Horatio führt nicht direkt zu einer neuen Versuchsanordnung, also einer erneuten Erscheinung des Geistes, sondern bereitet diese vor. Und diese neue Erscheinung wird eine andere Qualität haben. Im Unterschied zu den ersten Erscheinungen des Geistes, bei denen kein Kontakt mit ihm aufgenommen werden konnte, wird die kommende eine Kontaktaufnahme sein.  Und diese neue Erfahrung wird wiederum abhängig sein vom „Wer da?“.

Wie verabredet kommt Hamlet gegen zwölf Uhr zum besagten Wachtposten und trifft dort auf Horatio und Marcellus. Und während sie noch sprechen, erscheint der Geist (I, 4).
Horatio: Seht, Mylord, es kommt!
Hamlet: Ihr Engel der Gnade, helft uns! Du kommst in so fragwürdiger Gestalt, dass ich dich anreden will. Ich nenn dich Hamlet Vater, König der Dänen. Antworte mir…

Bei dieser Versuchsanordnung verändert sich die Frage „Wer da?“ direkt in eine Aufforderung: „Ich nenne dich – antworte mir!“  Im Folgenden differenziert sich die Erfahrung auf interessante Weise aus.

Horatio: Es gibt Euch Zeichen, weg zu gehn mit ihm, als wenn es etwas mitzuteilen wünscht, Euch allein.
Marcellus: Seht, wie mit höflicher Gebärde es Euch zu mehr entferntem Boden winkt. Geht aber nicht mit ihm.
Horatio: Nein, keinesfalls.
Hamlet: Es will nicht reden, also folg ich ihm.
Horatio: Tut’s nicht, Mylord.
Hamlet: Warum? Was soll ich fürchten?

Dieses Zögern geht noch einige Repliken hin und her, bis Hamlet entscheidet und zum Geist spricht:
Geh vor, ich folg dir.
Hamlet folgt. Dann spricht er mit dem Geist:
Hamlet: Wohin führst Du mich? Sprich. Ich geh nicht weiter.
Geist: Hör mich.
Hamlet: Ich wills.

Zusammenfassend können wir mit der Shakespeareschen Frage „Wer da?“  auf die paulinische Formel ex auditu bezogen folgendes feststellen:  Mit der Fragestellung „Wer da?“ entsteht ein auf Antwort ausgerichteter Begegnungszusammenhang zwischen Personen verschiedener Art. In diesem Begegnungszusammenhang bringen sich die Beteiligten wechselseitig in Bewegung und verändern sich.

Luthers Bezug zum paulinischen ex auditu ist ein anderer. Da ist zuerst Luthers Übersetzung des Römerbriefes im Neuen Testament. Bis in die Jubiläumsübersetzung von 2017 übersetzt Martin Luther ex auditu mit „aus der Predigt“. Die wörtliche Übersetzung „aus dem Hören“ wird lediglich mit einem Sternchen als Übersetzungsvariante angegeben.

Auch in Luthers Vorlesung über den Römerbrief von 1515/16 – ein zentraler Text der Reformation – wird der entsprechende Vers 17 aus dem 10. Kapitel mit keinem Wort kommentiert, sondern flugs von Vers 14 auf Vers 20 gesprungen.6

In einer anderen Vorlesung über den Galaterbrief, kommt Luther aufs Hören und erklärt, dass mit dem Hören „weder die Fähigkeit des Hörens noch der Hörvorgang gemeint“ sei, sondern sich das Hören „vielmehr auf die Sache bezieht, d.h. eben auf das Wort bzw. das mündlich gepredigte Evangelium“.7

Und damit kommen wir auf den Punkt. Die Frage Martin Luthers nach der Bedeutung von ex auditu entspricht nicht der Frage „Wer da?“, sondern der Frage „Was?“. Wie in seinem „Kleinen Katechismus“ fragt Luther: „Was ist das?“
Mit der Übersetzung „aus der Predigt“ grenzt Luther das Hören auf „Was?“, als eine Sache, eine sprachliche Form, eine Lehre ein. Und damit zugleich alle anderen Hörerfahrungen und die Frage nach „Wer da?“ aus.

Luthers Übersetzung von  ex auditu / „aus dem Hören“ mit „aus der Predigt“ ist aber unmöglich ein Fehler, sondern Absicht und Strategie. Und mit der Übersetzung von ex auditu als „aus der Predigt“, scheut er sich nicht, seine theologische Strategie in die Übersetzung der Bibel selbst einzuschreiben. 

Bizarrer Weise kommt Martin Luther in einem Abschnitt seiner Obrigkeitsschrift, der davon handelt, wie Christen regiert werden sollen, darauf zurück: „Denn Christen müssen im Glauben regiert werden, nicht mit äußerlichen Werken. Glaube kann aber durch kein Menschen Wort, sondern nur durch Gottis Wort kommen, wie Paulus sagt Römer 10: ‚Der Glaube kommt durchs Hören, das Hören aber durchs Wort Gottis.‘ Welche nun nicht gläuben, die sind nicht Christen, die gehören auch nicht unter Christus‘ Reich, sondern unter das weltliche Reich, dass man sie mit dem Schwert und äußerlichem Regiment zwinge und regiere.  Die Christen tun von ihn selbs ungezwungen alles Gutes und haben gnug für sich allein am Gottis Wort.“8

Lesen wir hier Luthers Übersetzung „aus der Predigt“ mit, so stellt sich die Predigt für den Christen als das heraus, was für den Nichtchristen Schwert und äußerliches Regiment sind. Luther versteckt in der Predigt das Hören als Gehorchen und beschränkt damit Sprache auf eine ihrer Funktionen, nämlich auf den Befehl.
 
„Wörter sind keine Werkzeuge; aber man gibt den Kindern Sprache, Schreibstifte und Hefte, wie man Arbeitern Hacken und Schaufeln gibt. Eine Grammatikregel ist in erster Linie eine Markierung der Macht, und erst dann eine syntaktische Markierung. Der Befehl oder das Kennwort, die Parole, ist nicht von vorherigen Signifikationen abhängig, und auch nicht von vorherigen Organisationen distinktiver Einheiten. Es ist umgekehrt. Die Information ist nur das äußerste Minimum, das für die Ausgabe, Übermittlung und Beachtung von Anordnungen in Form von Befehlen notwendig ist. Man braucht nur soweit informiert zu sein, dass man Waffe nicht mit Waffel verwechselt […]. In jedem Befehl – auch in dem eines Vaters an seinen Sohn, ist eine kleine Todesdrohung enthalten – ein Urteil, wie Kafka sagen würde.“9

Eine Beschränkung von ex auditu auf die Frage „Was?“ und deren Übersetzung mit „aus der Predigt“ verfolgt das Ziel von auf Gehorsam orientierte Unterscheidungen wie der zwischen Waffe und Waffel. Luthers Übersetzung entpuppt sich als Herrschaftsstrategie und hat bis über die Kriegspredigten des Ersten Weltkrieges hinaus auch als solche gewirkt.

„Das Schwierige dabei ist, den Stellenwert und die Tragweite des Befehls zu bestimmen. Es geht nicht um einen Ursprung der Sprache, da der Befehl nur eine Sprach-Funktion ist, eine Funktion, die zur Sprache gehört. Wenn die Sprache immer Sprache vorauszusetzen scheint, und wenn man für sie keinen nicht-sprachliche Ausgangspunkt festmachen kann, so liegt das daran, dass die Sprache sich nicht zwischen etwas Geschehenem (oder Gefühltem) und etwas Gesagtem bildet, sondern dass sie immer von einem Sagen zum nächsten geht [d’un dire à un dire]. So gesehen glauben wir nicht daran, dass eine Erzählung darin besteht, zu kommunizieren, was man gesehen hat, sondern zu übermitteln, was man gehört hat und was einem ein anderer gesagt hat“10 [à transmettre ce qu’on a entendu, ce qu’un autre vous a dit 11].

Gilles Deleuze nennt diesen sprachlichen Vorgang: „Vom Hörensagen“ [Ouï-dire]. Beim „Vom Hörensagen“ ist ein „Wer“ immer mitgedacht, denn man übermittelt das, was man gehört hat, was also ein anderer einem gesagt hat. Vom Hörensagen wäre die angemessene Übersetzung von ex auditu, wenn man den lutherischen Predigtimpuls mit berücksichtigen wollte. Wie müssten wir Predigt dann aber anders denken als eine Beschränkung auf das Was bzw. den Befehl?
 
„Stellen Sie sich einen Liebenden vor, der die Frage ‚Liebst du mich?‘ mit dem Satz beantwortet: ‘Aber ja, du weißt es doch, ich habe es dir letztes Jahr schon gesagt‘.
(Man kann sich sogar vorstellen, dass er diesen denkwürdigen Satz aufgezeichnet hat und sich damit begnügt, jene Frage mit einem Druck auf die Replay Taste seines Aufnahmegerätes zu beantworten, um so denn unbestreitbaren Beweis dafür zu liefern, dass er wahrhaft liebt…)
Wie könnte er entschiedener bezeugen, dass er endgültig aufgehört hat zu lieben? Er hat das liebevolle Ersuchen als Informationsfrage aufgefasst.“ 12

Der Liebende hat die Frage als Was-Frage verstanden und beantwortet.

„Es ist durchaus möglich, dass der Liebende, sollte ihm der geforderte Sprechakt gelingen, einen Satz zur Antwort gibt, der wortwörtlich dem entspricht, den er tatsächlich ein Jahr zuvor äußerte. Vergliche man die beiden Aufzeichnungen, ließe sich formal kein Unterschied ausmachen.
Umgekehrt mag es dem Liebhaber gelingen, dieselbe Liebe nicht durch die Wiederholung derselben Formel, sondern durch etwas ganz anderes auszudrücken, das mit dem Satz, auf den er sich beziehen soll, keinerlei Ähnlichkeit hat: durch eine Geste, eine Aufmerksamkeit, einen Blick, einen Scherz, ein Zittern in der Stimme.“13

Der Witz dieser Kommunikationsform besteht nicht in seinem Bezug auf ein Was, sondern im Wer, der/die spricht. Was immer der Liebende sagt oder zum Ausdruck bringt, es wird „der Ton“ sein, die „Art und Weise, in der der Liebende dieses alte, verbrauchte Thema aufgreift“14.  [Aussi n’est-ce pas à la phrase même que l’amante s‘attachera, ni à leur ressemblance ni à leur dissemblance, mais au ton, à la manière, à la façon dont il reprendra, lui l’amant, ce vieux thème usé.15]

„Mit bewundernswerter Präzision, sekundengenau wird die Liebende durchschauen, ob das alte Lied [ritournelle] den neuen Sinn eingefangen hat, den sie sich erhoffte, ob sie augenblicklich die Liebe ihres Liebhabers erneuert hat, oder ob die abgenutzten Worte den Überdruss an eine Beziehung haben durchscheinen lassen, die seit langem zu Ende ist.
Folglich werden tagtäglich Sätze ausgesprochen, deren Hauptzweck nicht darin besteht, Referenzen nachzuzeichnen, sondern etwas ganz anderes [toute autre chose] hervorzubringen [produire]: Nahes oder Fernes, Nähe oder Distanz.“16

Die einzige Referenz, die in der Kommunikation der Liebenden bleibt, ist die erste entscheidende Liebeserklärung. Was von ihr als Referenz bleibt, ist ihr Ton, ein Phänomen des Hörens. Ihr Ton muss sich in allen folgenden fortsetzen, muss irgendwie hindurch klingen durch die erklärende Person. Der Ton macht alle differenten Hervorbringungen als Liebeserklärungen wirksam, aktualisiert sie. Oder eben nicht.

Zur Rede vom „Wer da?“ als wechselseitig transformierender Begegnungszusammenhang kommt also die akustische Dimension eines Tons hinzu. Sie bringt etwas hervor, schafft eine Nähe oder Ferne.

Bruno Latour nimmt diese Erfahrung als grundlegend für die religiöse Rede, also die Predigt. Das heißt zuerst, es geht bei Predigten nicht um Informationsübermittlung oder Befehlsausgabe. Predigen ist das Produzieren von irgendetwas wie Nähe oder Ferne. 

Diese Art von Hörensagen, also einer Übermittlung dessen, „was man gehört hat und was einem ein anderer gesagt hat“ – ihren modus operandi – nennt Bruno Latour „wahrheitsgetreue Erfindung“: invention fidèle. 17

Latour war darauf gekommen, als er den Deutschen Theologen Rudolf Bultmann und sein Konzept der Entmythologisierung studierte und ihn schließlich um 180 Grad drehte: „auch wenn Bultmann versuchte, Authentizität dadurch zu erreichen, dass er nach und nach jede sukzessive Ergänzung beseitigte, die durch lange Ketten christlicher Autoren in wilder Erfindung hinzugefügt worden waren – mit dem Ergebnis, wie Sie wissen, dass am Schluss seiner Geschichte der synoptische Tradition […] man nur noch mit drei oder vier ›genuin‹ aramäischen Sätzen dasteht, die von einem gewissen ›Joshua von Nazareth‹ geäußert wurden –; so gelangte ich durch meine Lektüre im Gegenteil zu dem Schluss, dass die Wahrheitsbedingungen des Evangeliums genau in diesen langen Ketten fortgesetzter Erfindungen lagen. Allerdings nur, sofern diese Erfindungen sozusagen in der richtige Tonart erfolgten. Von dieser Tonart, dieser Art, zwischen zwei entgegengesetzten Formen von Verrat zu unterscheiden […]: Verrat durch bloße Wiederholung, Verrat, indem man die anfängliche Intention verlor, das heißt den Geist, den Heiligen Geist.“18

„Man muss erfinden, um der Wahrheit treu zu bleiben“.19 Unser Vorschlag zur Übersetzung von ex auditu wäre also um ein wahrheitsgetreues Erfinden zu ergänzen: „Vom Hörensagen als wahrheitsgetreues Erfinden“. Auf Luthers Bezug zur Predigt übertragen hieße das: Predigt ist ein Vom Hörensagen als wahrheitsgetreues Erfinden, das eine Erfahrung von Nähe oder Distanz hervorbringt, die man Glauben nennt.

In seinem Kommentar zum Römerbrief des Paulus kommt Giorgio Agamben auf den Vers 17 im 10. Kapitel: „Der Glaube aus dem Hören, das Hören aus dem Wort des Christus“. Er bemerkt: „Aus der Perspektive des Glaubens bedeutet einem Wort zuzuhören nicht, die Wahrheit eines semantischen Inhalts festzulegen, aber auch nicht einfach auf das Verständnis zu verzichten.“20

Damit öffnet Agamben eine ganz eigene Dynamik des Hörens zwischen Verständnis und Offenheit, zwischen Nähe und Distanz. Sie erhält ihre entscheidende Deutung aus dem zweiten Teil des Verses, den Agamben dazu mit „Wort des Messias“ übersetzt und damit auf die paulinische Argumentation unmittelbar vor Vers 17 verweist. Paulus bestimmt dort in seiner Lektüre einer Passage aus dem Deuteronomium (5. Moses 30,14) das Wort des Messias als ein „Wort der Nähe“ (Röm 10,8). Als ein solches Wort der Nähe lässt sich ein messianisches Wort im Unterschied zu einem Gesetz nicht auf eine bestimmte Bedeutung festlegen. Es enthält einen Überschuss an Bedeutung und stellt zugleich das Bedeuten selbst in Frage. Es unterwandert sich beständig selbst. Aristotelisch gesagt, bleibt es eine reine Möglichkeit des Sagens, die in keiner Wirklichkeit aufgeht. Im messianischen Wort bleibt immer ein Rest.

Dennoch gibt es einen Sinn. Seinen Sinn „erwirkt“ ein solches messianisches Wort der Nähe „durch sein eigenes Ausgesprochen werden“21.  In Bezug auf das Hören fällt vom Ausgesprochen werden eine besondere Perspektive auf die Praxis des lauten Lesens22. Wenn im Hören von etwas, das ausgesprochen wird, immer ein Rest bleibt, so lenkt dieser Rest die Aufmerksamkeit auf eine andere Praxis.
Hamlet nennt sie Schweigen (V, 2).
 
 
  1 I William Shakespeare, Hamlet I, 2 u.a. Vgl.: Der Spiegel, Mittwoch 5. November 45/1952, S. 26-27 http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21978100.html (14.11.2017), Walter Benjamin, Ursprung des deutschen Trauerspiels, Frankfurt/M. 1978, S. 119 und 136f. und Carl Schmitt, Hamlet oder Hekuba: Der Einbruch der Zeit in das Spiel, Stuttgart ³1999, insb. S. 62ff.
  2 I Peter Brook hat diesem Satz eine theatralische Recherche gewidmet: Qui est là?, Premiere am 15. Dezember 1995 am Théâtre des Bouffes du Nord, Paris.
  3 I Peter Brook, Qui est là, Theatralische Recherche, Berliner Festspiele 1996, Programmheft, S. 11.
  4 I  Heiner Müller, Werke 7, Die Stücke 5, hgg. von Frank Hörnigk, Frankfurt/M 2004,  S. 440- 565.
  5 I  Auch im Neuen Testament begegnen Gespenster, oder Erscheinungen, die dafür gehalten werden. So halten die Jünger Jesus für ein Gespenst, als er übers Wasser zu ihnen kommt (Mk 6, 49), auch der Auferstandene wird für ein Geist (24, 37) gehalten.
  6 I Luther Deutsch, Die Werke Martin Luthers, hgg. von Kurt Aland, Band 1, Die Anfänge, Göttingen 1983, S.227f.
  7 I A.a.O., S. 277.
  8 I Martin Luther, Christ und Welt, Schriften IV, Berlin 2015, S. 76.
  9 I Gilles Deleuze/Félix Guattari, Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie 2, Berlin 1992, S. 107.
10 I Ebd.
11 I Gilles Deleuze/ Félix Guattari, Mille Plateaux, Capitalisme et Schizophrénie 2, Paris 1980, S. 97.
12 I Bruno Latour, Jubilieren, Berlin 2011, S. 39.
13 I A.a.O., S. 40.
14 I A.a.O., S. 41.
15 I Bruno Latour, Jubiler ou les tourments de la parole religieuse, Paris 2013, S. 34
16 I Bruno Latour Jubilieren, S. 41.
17 I Bruno Latour, Jubilieren, S. 158; Bruno Latour, Jubiler, S. 129.
18 I Bruno Latour, Selbstporträt als Philosoph, Rede anlässlich der Entgegennahme des Siegfried Unseld Preises, http://www.bruno-latour.fr/sites/default/files/downloads/114-UNSELD-PREIS-DE.pdf (12.2.2015).
19 I Peter Sloterdijk,  Zeilen und Tage. Notizen 2008–2011, Berlin 2012, 76.
20 I Giorgio Agamben, Die Zeit die bleibt. Ein Kommentar zum Römerbrief, Frankfurt/M. 2006, S. 144.
21 I A.a.O., S. 146.
22 I Vgl. Dietrich Sagert, Vom Hörensagen. Eine kleine Rhetorik, Leipzig ²2016, S. 135-140 und Dietrich Sagert, Versteckt. Homiletische Miniaturen, Leipzig 2016, S. 20-26.

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