Eintrag vom
Anderswo
Ein Leser mit notorischen Unterwanderungstendenzen ist der französische Philosoph Jacques Derrida. Unter den Referenzen seiner Lektüremethode, der Dekonstruktion, findet sich der Begriff der destructio von Martin Luther2.  Die besondere Perspektive aber, die sich an dieser Stelle öffnet, besteht in der Tatsache, dass Jacques Derrida ein ausgiebiger Leser des Augustinus war.

Augustinus wurde in Thagaste geboren, gelegen im heutigen Algerien. Derrida wurde in El-Biar bei Algier geboren3. Die ersten vier Jahre seines Lebens verbrachte Derrida in einem Haus in der Rue Saint-Augustin in Algier4.  Ihre Geburtsorte haben dauerhafte Prägung bei beiden hinterlassen:  „herrschende Fremdherrschaft und damit einhergehende Mehrsprachigkeit, der Weggang aus dem Heimatland ins Land des Kolonisators, das Leben und der Erfolg im fremden Land, das Nachreisen der Mutter und ihr Tod jenseits der Heimat“5.

In dem Film „Derrida anderswo“ von Saafa Fathy6 erklingt bei filmischen Ausflügen in die algerische Vergangenheit häufig eine Oud, eine arabische Laute. Ihr Klang markiert biographische Verortungen bei Derrida. In Bezug auf Augustinus ist man es eher nicht gewohnt, sich vorzustellen, in welcher Landschaft, in welchem Klima er lebte und wo diese Orte sich heute konkret befinden, wie es dort klingt, riecht und aussieht. Jedenfalls wird der Name der Rue Saint-Augustin in Algier in den Ohren Derridas zeitlebens einen besonderen Klang behalten. Und Derrida wird immer weitere Orte über ihre Namen mit Augustinus in Verbindung bringen.

So lebte Derrida später einige Zeit in Santa Monica, Kalifornien. Monica ist der Name der Mutter von Augustinus. In seinen Confessiones berichtet Augustin über sein spezielles Verhältnis zu Monica und von ihrem Sterben. Auch Jacques Derrida hatte ein besonderes Verhältnis zu seiner Mutter Georgette – eine Pokerspielerin – und begann unter dem Eindruck ihres Sterbens ein Buchprojekt mit dem Titel Circonfessions. Darin identifiziert sich Derrida mit Augustin, er ahmt ihn nach, zitiert ihn, umkreist  ihn, parodiert ihn zuweilen, vervielfältigt augustinische Motive in seine eigenen.

Seine umkreisende Strategie des Lesens und Schreibens führt Derrida zu der Erkenntnis, dass es bei einem Bekenntnis (confessio) darum geht, sich „um ein einziges Ereignis herum neu zu verteilen und zusammenzufügen“7. Von einem solchen Ereignis kann nur Gott ein Zeuge sein.

Bei einem Bekenntnis geht es also nicht darum, „ein Wissen auszusprechen, dass Gott über meine Sünden informiert“ und ihm damit etwas zu sagen, was er schon weiß,  sondern es handelt sich darum, so zu sprechen, dass „mein Verhältnis zum Anderen“ sich transformiert und „ich mich selbst“ zugleich transformiere8 . Mit dieser Interpretation des Bekenntnisses als „transformatorischen Sprechakt“9  knüpft Derrida an Augustins Prinzip der „Vielheit der Interpretationen“10 an. Er unterwandert jedoch zugleich Augustins Politik der Wahrheit11.  

Das wiederum hat mit einer anderen Identifikation Derridas zu tun, die auch in der Rue Saint-Augustin zu verorten ist und in den Confessiones: „Ich kenne die Herkunft meiner Familie nicht. Wenn ich mich in dieses Wort ‚Marane‘ verliebt habe […]dann, weil es auf meine vermutete jüdisch-spanische Herkunft verweist und weil es zugleich etwas sagt über eine Kultur des Geheimnisses. Die Frage des Geheimnisses hat mich immer beschäftigt. […] Und das nicht nur im Blick auf das Unbewusste, sondern auch auf Grund seiner politischen Dimension: das Geheimnis als das, was der Politik Widerstand leistet, was der Politisierung widersteht, der Bürgerhaftigkeit, der Durchsichtigkeit und des Scheins. Überall, wo man das Geheimnis, das Bewahren des Geheimnisses zerstören will, gibt es eine totalitaristische Bedrohung. Totalitarismus zerstört das Geheimnis: Du wirst gestehen, Du wirst bekennen (confesser), Du wirst Dein Inneres aussprechen. Die geheime, diskrete  Mission des Maranen besteht also darin, zu zeigen, dass das Geheimnis bewahrt und respektiert werden muss.“12

Mit der Figur des Maranen, dem spanischen Juden des 14. Jahrhunderts, der, nachdem er zu Christentum konvertiert wurde, seine Religion weiter ausübt, geheim, um der Verfolgung zu entgehen, mit dieser Figur des Immigranten, Clandestinen, Unsichtbaren, mit dem, der keine Papiere hat, unterwandert Derrida Augustin: „condiebar eius sale13.


  1 I Erschien zuerst im Jahresprogramm 2017 des Zentrums für evangelische Predigtkultur.
  2 I Vgl. Jean-Luc Nancy, Dekonstruktion des Christentums, Zürich Berlin 2008, S. 251 Fußnote 10.
  3 I Johanna Schumm, Confessio, Confessiones, Circonfession. Zum literarischen Bekenntnis bei Augustinus und Derrida, München 2013, S. 122.
  4 I Benoit Peeters, Jacques Derrida. Eine Biographie, Berlin 2013, S. 26.
  5 I Johanna Schumm, a.a.O., S. 122.
  6 I 1999, Berlin 2012.
  7 I Jacques Derridas, Circonfessions, in: Geoffrey Bennington, Jacques Derrida. Ein Porträt, Frankfurt 1994, S. 70.
  8 I Jacques Derrida, Une certaine possibilité impossible de dire l’événement (1997), zitiert nach Johanna 
       Schumm, Confessio, Confessiones, Circonfessions, S. 267.
 9  I Ebd.
10 I Vgl. a.a.O., S. 80ff. und S. 137f.
11 I Vgl. Kurt Flasch, Kampfplätze der Philosophie, S. 11-41.
12 I Saafa Fathy, Derrida anderswo, Berlin 2012, vgl. Jacques Derrida, Circonfessions, a.a.O., S. 181-186.
13 I Jacques Derrida, Circonfessions, S. 182. Hier zitiert Derrida den zweiten Teil eines Zitates aus den Confessiones des Augustinus: „[Ich wurde gezeichnet mit dem Zeichen seines Kreuzes und] gesalzen mit seinem Salz […]“ (I, xi, 17), a.a.O., S. 185. Augustinus, Bekenntnisse, Stuttgart 1989, 2008, S. 50.

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