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Auf der Weihnachtstafel des sogenannten Isenheimer Altares hat der Maler Matthias Grünewald vorn einen hellen und dahinter einen dunklen Engel gemalt. Beide spielen eine Art Gambe. Sieht man die beiden so an, fällt es einem nicht schwer, sich diese Musiker*innen (Männlich oder weiblich? Gute Frage!)  im großen Orchester Paul Hindemiths vorzustellen.

Cello spielend würden sie sich dort einfinden. Bei der alte Weise „Es sungen drei Engel ein‘n süßen Gesang“ wären sie vielleicht auch kurz ein wenig überrascht, wenn „ihr“ Gesang wie eine Fanfare erklingt im ersten Satz, dem „Engelskonzert“, von Hindemiths Symphonie „Mathis der Maler“ (1934).

Eine solche Verwandlung erscheint noch eher naheliegend im Vergleich zu den Wandlungen der Engel, die der französische Philosoph Michel Serres in seiner „Legende der Engel“ (1995) beschreibt. Dort unterhalten sich Pia und Pantope und ihre Unterhaltung beginnt mit der Frage: „Glaubst Du an Engel?“ Die Antwort ist: „Ich habe noch keinen kennengelernt, und ich kenne auch niemanden, der behauptet, einen gesehen zu haben."1

Pia ist Ärztin am Flughafenkrankenhaus in Paris. Pantope arbeitet als Inspizient bei Air France. Er ist ständig unterwegs. Sie ist beständig am Ort. „Während Pantope allein um die Welt fliegt, strömt die Welt um Pia herum."2  Beide freuen sich, sich wieder zusehen, nachdem sie in der Zwischenzeit lediglich Worte und Zeichen voneinander hatten.

Pia, die die Eingangsfrage stellte, sieht um sich herum ständig Engel am Werke: „die Stewardessen, die Piloten, den Funk, das gesamte fliegende Personal“, die Flugzeuge, die Postautos, „die Briefe, Pakete oder Telegramme ausliefern; die Durchsagen über den Hallenlautsprecher“, das Gepäck, die Passagiere, die Rolltreppen: „Stählerne Engel tragen Engel aus Fleisch und Blut, die auf Wellen-Engeln Signal-Engel aussenden…"3

Auf verschiedenen Ebenen entwickelt das Buch eine Sammlung von Botschaften-Übermittlern aller Art und setzt sie zueinander ins Verhältnis. Alte tradierte Bilder und Geschichten von Engeln kommen in Beziehung zu technischen Geräten, zu Informationsspeichern und –Transporteuren bis hin zu Mikroprozessoren und Datenströmen. Eine moderne Angelologie, sie ist geordnet nach den Tageszeiten.

In der Mitte des Buches wie des Tages steht ein kurzes Kapitel mit dem Titel „Angelus“. Pia und Pantope treffen sich zum Mittagessen in einem der Flughafenrestaurants. Ein Fernseher ist dort so laut, dass sie sich nur mit Mühe verstehen können. „Morgen, mittags abends, wenn der Erzengel vorüberging, ertönte früher die Angelusglocke und verkündigte aufs neue die Verkündigung: Empfängnis, Fleischwerdung und Geburt unserer Hoffnung […] dieses freudige Mysterium des Lebens."4

Heute aber empfangen die Menschen ihre Nachrichten aus dem Fernseher. Wir nennen die Nachrichtensprecher zwar nicht Engel, aber sie übernehmen die gleiche Aufgabe: „Botschaften zu übermitteln, zu berichten, was sich zur selben Zeit anderswo ereignet"5. Auf dem Bildschirm kann man sogar die Gesichter und Körper der Sprecherinnen und Sprecher sehen, wogegen die Engel sich nur sehr selten zeigten.

Die Nachrichten dieser sichtbaren Sprecher allerdings sind anderer Art: „Katastrophen, Brände, Vulkanausbrüche, Erdbeben, Epidemien, Hungersnöte, Streit, Skandale, Unzufriedenheit, Staatsstreiche, Kriege, Verbrechen, Ungerechtigkeit, Morde, Prozesse, Leichen […] der Tod in tausenderlei Gestalt"6, morgens, mittags und abends.

Messungen von Einschaltquoten bestimmt darüber, dass sich die Aufmerksamkeit des Fernsehens auf die Nachrichten des Todes konzentrieren. Es scheint, als ob die Sprecherinnen und Sprecher der Nachrichten medial zwar sichtbaren, aber gefallenen Engel glichen. In diesem Fall, hätten die Engel ohnehin längst bitterlich weinend das Weite gesucht.7

Würde eine einzige gute Nachricht ausreichen, uns aus dieser Spirale zu retten? fragt sich Pia. Und sie nimmt sich entschieden vor: „Morgens, mittags und abends werde ich in Zukunft in mir und um mich her das göttliche Fleisch und das Wunder des Lebens besingen."8

„Die Legende der Engel“ endet zur Mitternacht. Die Überschrift des Kapitels: Weihnachten.
 
 
1 I Michel Serres, Die Legende der Engel, Frankfurt/M., Leipzig 1995, S. 7.
2 I A.a.O., S. 8.
3 I Ebd.
4 I A.a.O., S. 153f.
5 I A.a.O., S. 154.
6 I A.a.O., S. 154f.
7 I Vgl. F. M. Dostojewskij, Das Zwiebelchen.
8 I Michel Serres, a.a.O., S. 157.

 

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