Eintrag vom
the dark side
Weihnachten des Jahres 1883 verbrachte der Student Paul Nipkow allein in seiner Studentenbude in Berlin. Dort saß er vor „einem kleinen Tannenbaum, an dem die Kerzen brannten, einer billigen Petroleumlampe und einem Reichsposttelephon“, was ihm ein Freund geschenkt hatte. „Entweder beim Anblick der Christbaumkerzen, die ja flackern, oder beim Anblick des Telefons, das Alexander Graham Bell eben erste erfunden hatte“, fragte er sich, ob es nicht gelingen könnte, ebenso wie bei der Übertragung von Stimmen, auch Gesichter zu übertragen.1 

Dazu müsste das Bild „zwar in Einzelpunkte zerhackt werden, die über ein Telephonkabel zum Empfänger gelangen und dort wieder zum Flackerbild zusammengesetzt würden; aber als guter Helmholtz-Schüler kannte Nipkow die Trägheit des Auges und seine unbewusste Fähigkeit, das Bildflimmern weg zu filtern, physiologisch durch den schon vom Film eingesetzten Nachbildeffekt, allgemeiner oder mathematisch durch Integration der einzelnen Bildpunkte“2.

Diesen Gedanken nachgehend erfand Paul Nipkow „die sogenannten Nipkowscheibe, eine um ihre Achse drehbare Metallscheibe, die zwischen der Bildquelle und dem Sendekanal zu stehen kam und nur die Funktion hatte, lauter Löcher zu tragen"3. Nach seiner Patentschrift hat der von ihm erfundene Apparat „den Zweck, ein am Orte A befindliches Objekt an einem beliebigen Orte B sichtbar zu machen"4.

Mit der Erfindung der Nipkowscheibe und der Überwindung ihrer Schwachstellen, etwa durch den Einsatz von Braun‘schen Röhren bis hin zum Transistor, war der Grundstein dessen gelegt, was wir Fernsehen nennen. Die Entwicklung dieses „vollelektronischen Medium[s]"5  allerdings hat es in sich. Dennoch erscheint es unerlässlich, sich diese Entwicklung vor Augen zu führen, um zu verstehen, was Fernsehen überhaupt ist. Auf den ersten Blick ist seine Entwicklung Teil der Geschichte von Bildern, ihrer Speicherung, ihrer Übertragung und ihres Laufen Lernens. Darüber hinaus ist sie aber vor allem Teil der Entwicklungsgeschichte der Technik.

Als solche realisierte sie folgende Funktionen auf elektronischem Wege: „erstens ein vollelektronischer Wandler von Bildern in Ströme, also eine Fernsehsignalquelle, zweitens eine vollelektronische Übertragungsstrecke, also ein Fernsehkanal, und drittens ein vollelektronischer Wandler von Strom in Bilder, also ein Fernsehempfänger.“ Als vierte Funktion trat später „ein elektronischer Bildspeicher“ hinzu.6

Als Voraussetzung konnte die Entwicklung des Fernsehens auf den seit 1840 existierenden einzigen elektrischen Nachrichtenkanal zurückgreifen, auf „die von Morse standardisierte Telegraphie“. Sie bestand in einem Kanal, „der genauso linear war wie Alphabet und Buchdruck, die von ihr abgelösten Medien. Ganz wie Buchstaben beim Lesen wanderten die Punkte und Striche des Morsecodes einer nach dem anderen durchs isolierte Kupferkabel“. In Bezug auf die Übertragung von Bildern mussten also die „zwei Bilddimensionen“ in eine „einzige Kanaldimension“ umgewandelt werden.7

Analog dem Verfahren von Druckern, die Buchstaben in Punkte auflösen, wurden Bilder in „Rechteckraster“ aufgelöst, die ebenfalls Punkt für Punkt übertragen werden könnten. „Damit wurden Bilder im Prinzip zu diskreten Datenmengen vom Typ des Telegramms. Im strikten Gegensatz zur Photographie, deren Stolz ihre Analogie zur Natur war, und im halben Gegensatz zu Film, der ja eine diskontinuierliche oder diskrete Sequenz vieler analoger Photographien bildete, begann das Fernsehen als radikale Zerhackung: Nicht nur in der Zeit, sondern auch in Höhe und Breite lösten sich Zusammenhänge oder Gestalten in Einzelpunkte auf“. Man nennt sie heute „Pixel“.8

Die Arbeit der Zerhackung der Bilder erledigte zunächst Nipkows drehende Lochscheibe. Die bei diesem Patent existierenden Schwierigkeiten beim Senden, Übertragen und vor allem beim Empfangen wurden vor allem durch die „Entwicklung der Röhre behoben“. Im Jahre 1908 wurde „die Braun’sche Röhre sowohl auf Senderseite wie auf Empfängerseite eines revolutionären Fernsehsystems“ eingesetzt. „Das aufzunehmende Bild sollte auf den Schirm einer Braun’schen Röhre projiziert werden, die mit einem Mosaik aus trägheitslosen Photozellen bedeckt war. Der Elektronenstrahl der Röhre sollte die beim Lichteinfall entstehenden elektrischen Ladungen auslesen, also in Stromschwankungen umsetzen, aus denen schließlich eine Braun’sche Röhre im inversen Verfahren wieder sichtbare Bilder machte.“ Die weiterhin größte Schwachstelle des Systems bestand in der Kapazität der Übertragung, die auf die Größe des „aus dem Ersten Weltkrieg erwachsenen Mittelwellenhörfunk[s]“ begrenzt war.

Diese Begrenzung wurde dadurch überwunden, dass „auf Druck der Wehrmacht, die ja 1936 als einzige Armee der Welt mit UKW-Funk ferngesteuerten Panzerdivisionen in den Blitzkrieg zog, ein UKW-Radio entwickelt worden war“10. Mit dem „UKW-Funk als Übertragungskanal“ und verbesserten Röhren bei Aufnahme und Wiedergabe (Ikonoskop und Lochmaskenbildschirm) „war das hochtechnische Informationssystem Fernsehen endlich geschlossen".11

Dies geschah allerdings zu dem Preis, dass „nur noch Staaten auf technischem Kriegspfad und Weltkonzerne auf demselben Pfad“ diese „vollelektronische Fernsehsystemkette noch finanzieren“ konnten.12  Und mit der Folge, dass das Fernsehen zum „nationalen und innenpolitischen Medium“ ersten Ranges, namentlich „zum Zwecke der Volksaufklärung und Propaganda“ aufstieg bei gleichzeitiger und besonderer Bedeutung für „die Flugsicherung und den nationalen Luftschutz“.13

Zieht man die weiteren Entwicklungen während und nach dem Zweiten Weltkrieg in Betracht, die Kopplung von Fernseh- und Zieltechnik, die Verbindung von Fernsehen und Radar, rückgekoppelt mit einem Leitradar u.v.a.m. so kann man folgendes feststellen: „Fernsehen aber ist als hochtechnisches Medium dasjenige unter den optischen Medien, das seinem eigenen Prinzip nach als Waffe fungiert."14

Auf hochtechnischer Stufe treibt das Fernsehen damit eine optische Verbindung auf die Spitze, die seit der Entdeckung der Zentralperspektive in der Renaissance besteht, nämlich die zwischen optischem Medium und „Schusswaffen und ihrer Ballistik"15.

Fernsehen kann dabei „ohne jeden Reibungsverlust“ vom „Unterhaltungsmedium auf Kriegstechnik“ umgestellt werden und umgekehrt.16  Hinzu kommt, nicht erst seit dem Einsatz von Transistoren anstelle der Röhren im Jahre 1949 und dem Einsatz von Siliziumtechnologie u.a.17, dass Fernsehen immer auch „weltweite Überwachung durch Spionagesatelliten"18 bleibt.

Die fortlaufende Verbesserung der Bild- und Tonqualität19 und damit eine daraus resultierende Übertragungsnotwendigkeit führte über Kompressionsverfahren schließlich zur Rückkehr einer Übertragung per Kabel und zwar per Glasfaserkabel.

„Glasfaserkabel operieren bekanntlich auf der Basis von Laserlicht, das in einem unvorstellbar dünnen Spiegelschlauch unvorstellbar oft von der Signalquelle bis zur Signalsenke weiterreflektiert wird, sie sind also eine erste und wahrscheinlich noch sehr folgenreiche Überschreitung der Elektrizität und ihrer in Leitern wesentlich gebremsten Geschwindigkeit. Glasfaserkabel, mit anderen Worten, verkraften das riesige Frequenzband von HDTV eben deshalb, weil sie optische Signale zum ersten Mal in der gesamten Mediengeschichte als optische Signale und nicht mehr als elektronische übertragen. Diese sensationelle Tautologie, dass Licht zum Transmissionsmedium von Licht wird, schließt aber nicht aus, sondern ein, dass dieselbe Lichtgeschwindigkeit auch allen anderen Signalen zugutekommt. Außer Fernsehsignalen kann de Glasfaser also auch elektronisch umgesetzte Akustiken, Texte oder Computerdaten transportieren"20.

Auf diese Weise (durch HDTV und ISDN) fällt das Fernsehen „nicht nur mit dem altmodischen Film zusammen, sondern auch und vor allem mit dem Medium aller Medien, also mit Computersystemen"21.

Computer wurden 1936 von Alan Mathison Turing erfunden und ab 1943 kriegsentscheidend dazu eingesetzt, die Verschlüsselungen des UKW-Funks der Wehrmacht zu knacken. Die Technologie, auf der Computer basieren, treibt das Digitalprinzip aufs höchste Niveau:

„Was beim Film nur die Schnitte zwischen den Einzelbildern und beim Fernsehen nur die Löcher in Nipkowscheiben oder Lochmaskenbildschirmen sind, ist in der digitalen Signalverarbeitung die erste und letzte Gegebenheit. Damit fallen alle Unterschiede zwischen einzelnen Medien oder Sinnesfeldern flach: Ob Digitalrechner Töne oder Bilder nach außen schicken, also ans sogenannte Mensch-Maschine-Interface senden, oder aber nicht, intern arbeiten sie nur mit endlosen Bitfolgen, die von elektronischen Spannungen repräsentiert werden."22

Die Verarbeitungsgeschwindigkeit der Daten unterläuft die menschliche Wahrnehmungs- und Denkgeschwindigkeit derart, dass sie allen Manipulationsmöglichkeiten offenstehen. Um es auf die Spitze zu treiben, reduziert ein Computer „alle Dimensionen auf Null"23, liquidiert noch die „letzten Reste von Imaginärem"24 und unterhält zu guter Letzt einen „Weltkrieg zwischen Algorithmen und Rohstoffen"25.

Die Lektüre der Analysen des streitbaren Berliner Medientheoretikers Friedrich Kittler aus dem Jahre 199926  kann in unserem Zusammenhang nicht beendet werden, ohne auf einen speziellen Begriff zurück zu kommen, den der Telepräsenz.

Im Zusammenhang der Entwicklung des Fernsehens zum HDTV (High Definition Television) „heißt Telepräsenz zunächst einmal, das bislang je fast quadratische Bildformat so in die Breite zu ziehen, dass es wie der Breitwandfilm beide Augen füllt oder doch wenigstens beschäftigt, also seinen Guckkastencharakter verliert. Zweitens aber heißt Telepräsenz, die Menge der einzelnen Bildpunkte noch über diesen Bildgrößenzuwachs hinaus zu vermehren“, was schließlich einen „wesentlich größeren Blickwinkel“ ausfüllt. „Telepräsenz ist demnach die Invasion oder Eroberung der Retina durch ein künstliches Paradies."27  Ästhetisch und technisch bedeutet dies u.a. eine „radikale Vereinheitlichung"28.

Abschließend und vor diesem Hintergrund hat die Begegnung zwischen Jesus und Paulus in Martin Scorsese’s Film „Die letzte Versuchung Christi (1988)29  eine überraschende medienkritische Pointe:

Jesus kommt mit einem seiner Kinder auf einen Marktplatz vor einer alten Tempelruine. Dort predigt, zwar folkloristisch gekleidet, aber im Stile eines amerikanischen „Fernsehevangelisten"30  der Apostel Paulus.

Als Jesus ihn fragt, ob Paulus je den auferstandenen Jesus mit eigenen Augen gesehen hätte und dieser verneint, nennt Jesus Paulus einen Lügner. Der sich anschließende kurze Disput zwischen beiden, in der Paulus wie ein kalter Agitator agiert, konnte Jesus nur in seinem Eindruck bestätigen:

Er spricht nicht wie einer, der zu einem anderen Menschen spricht.31
 
 
1 I Friedrich Kittler, Optische Medien. Berliner Vorlesung 1999, Berlin 2011, S. 272.
2 I Ebd.
3 I A.a.O., S. 273.
4 I A.a.O., S. 272.
5 I A.a.O., S. 20.
6 I A.a.O., S. 270.
7 I A.a.O., S. 271.
8 I Ebd.
9I A.a.O., S. 275f.
10 I A.a.O., S. 277.
11 I A.a.O., S. 278.
12 I A.a.O., S. 279.
13 I Ebd.
14 I A.a.O., S. 280.
15 I Ebd. Vgl. Blog-Eintrag vom 10.12.2020.
16 I A.a.O., S. 282.
17 I A.a.O., S. 289f.
18 I A.a.O., S. 288.
19 I Zum Ton und seinen technischen Entwicklungen in unserem Zusammenhang vgl. Friedrich Kittler, Das Nahen der Götter vorbereiten, München 2012, insbes. S. 48ff.
20 I Friedrich Kittler, Optische Medien, a.a.O., S. 292. Zum Aspekt der Spiegelung in geschlossenen Systemen vgl. in diesem Blog den Eintrag vom 10.12.2020.
21 I A.a.O., S. 293.
22 I A.a.O., S. 293f.
23 I A.a.O., S. 295.
24 I A.a.O., S. 294.
25 I A.a.O., S. 300.
26 I Im Jahre 2019, also 20 Jahre nach den hier zitierten Vorlesungen, und nach dem Tod von Kittler im Jahre 2011, fasst Hans Ulrich Gumbrecht Kittlers medientheoretisches Vermächtnis in einem Artikel der NZZ kritisch und im Lichte seiner späteren Studien zum antiken Griechenland folgendermaßen zusammen: „Die späten Schriften wecken unsere Aufmerksamkeit für die Chance und für die Notwendigkeit, den durch Computer ermöglichten Komplexitätsgewinn in der Verfügung über die Welt durch ein neues, sinnliches Verhältnis zur Technik und zum von ihr produzierten Weltbild zu ergänzen.“ Friedrich Kittler war ein Apple-Feind der ersten Stunde (nzz.ch) (30.12.2020).
27 I Friedrich Kittler, Optische Medien, a.a.O., S. 290. Vgl. in diesem Blog den Eintrag vom 03.12.2020.
28 I Ebd. Vgl in diesem Blog den Eintrag vom 27.11.2020.
30 I Reinhold Zwick, Nachwort, in: Pier Paolo Pasolini, Der heilige Paulus, Marburg 2007, S. 159.
31 I Vgl. in diesem Blog den Eintrag vom 17.12.2020.

 

 0 Kommentare

Kommentar hinzufügen