Eintrag vom
Grab und Bildschirm – ein Experiment
Einer Antwort auf die Frage danach, ob ein Bildschirm – österlich gedacht – schließlich ein leeres Grab ist, kann nur in Form eines Experimentes nachgegangen werden. Dies führt allerdings zu überraschenden praktischen Fragen.

Zunächst folgen wir der Bildspur, die Georges Didi-Huberman in seinem Text über die Metapsychologie des Bildes legt1  und gehen von der dazugehörigen Schilderung des zuletzt beschriebenen spezifisch christlichen Zusammenhanges zwischen Sehen und Glauben2  aus. In diesem Falle ist das die Darstellung der Frauen am Grabe auf dem Auferstehungsfresko des Fra Angelico.

In Zelle 8 des Klosters San Marco in Florenz ist folgende Szene zu sehen: „Die heiligen Frauen kommen am Grab an, sehen aber nichts, es ist leer; ein Engel sitzt da, weist mit einer Hand in das leere Grab und mit einem Finger der anderen auf die Erscheinung des auferstandenen Christus, der die Märtyrerpalme und das Heilsbanner trägt – aber diese Erscheinung können die Frauen nicht sehen, weil sie ihr den Rücken kehren. ‚Er ist nicht mehr hier‘, sagt der Engel auf dem Spruchband."3 

In der Lektüre des französischen Soziologen Bruno Latour ist das entscheidende dieses Freskos nicht die Erscheinung des Auferstandenen. Keiner der Dargestellten kann sie sehen, sie ist hinter ihren Rücken. Für den Betrachter des Bildes, der sie sehen kann, ist sie eben keine Erscheinung, sondern Malerei. Das Entscheidende zeigt der Finger des Engels: „Er ist nicht mehr hier, er ist nicht mehr in diesem toten Fresko, in dieser Zelle, die so kühl ist, wie ein Grab."4

Der Fingerzeig des Engels weist aus dem Bild heraus, auf etwas, was von keiner der beteiligten Frauen gesehen werden kann, auch nicht von dem am unteren linken Bildrand eingefügten Mönch, der wie ein imaginärer Betrachter auf der Türschwelle versunken nach innen blickt. Der Engel weist nicht in eine Vergangenheit, sondern in die Gegenwart, nicht in eine Ferne, sondern in die Nähe.

Um diese bildliche Konstruktion in einen Zusammenhang zwischen dem Fresko und einem Bildschirm als Grab zu stellen, müssen wir eine Technik anwenden, die Jean-Luc Godard5 in seinen Filmen verwendet. Wir müssen das Bild um 90 Grad drehen und somit das Grab zugleich aufrichten.

Die Bewegung des Aufrichtens entspricht übrigens der, die Georges Didi-Huberman in seiner Untersuchung „Was wir sehen blickt uns an“ als kunstgeschichtliche Entwicklung vom Grab zur Tür nachgezeichnet hat.6

In dieser Position sieht der Betrachter das Grab wie einen aufgestellten Bildschirm. Auch jetzt ist, wie in der Ausgangsposition, im Grab-Bildschirm nichts zu sehen. Die Hand des Engels aber weist nun direkt auf die betrachtende Person, d.h. auf die menschliche Anwesenheit vor dem Grab-Bildschirm.

Wie es der Engel zeigt, geschieht in dieser Versuchsanordnung das Entscheidende nicht im Bildschirm, sondern davor, also in der menschlichen Realität. Dies wird vor allem dann besonders bedeutsam und überraschend konkret, wenn Bildschirm und Kamera als ein Gerät arbeiten, wie z.B. bei einem Loptop und dem Programm Zoom.

Auf der Suche nach gottesdienstlichen Formen wird hier zum Beispiel gern versucht, bildlich eine segnende Nähe herzustellen, indem man die Hände so positioniert, dass sie im Bildschirm, also dem von der Kamera aufgezeichneten Bild, am rechten und linken Bild-(schirm-)rand die Handfläche eines anderen Bildschirmbildes „berühren“ sollen.

Nach unserer Versuchsanordnung wäre nicht die auf dem Bildschirm erscheinende, also abgebildete Geste die reale, sondern die Geste, die zur Herstellung der aufgenommenen Geste vollzogen werden muss. Um im Bild des Grabes als Bildschirm zu bleiben, ist die für den Bildschirm produzierte Geste leer. Die menschlich reale Geste, die vor dem Bildschirm vollzogen wird, ist in Bezug auf einen Segen sogar völlig absurd. Sie ist aber physisch wirklich, im Unterschied zum Bild.

In diesem Vorgang hat das Bild seine Körperspur verloren. Seine Verbindung zum Körper ist unterbrochen und zeigt die Entfremdung von einer körperlichen Praxis, mit der sie nichts mehr zu tun hat. Das Bild hat eine körperliche Praxis durch einen Effekt ersetzt. Es wird zu einem Simulacrum, das die Wirklichkeit – und im liturgischen Sinne muss man im Falle des Segens Wirksamkeit ergänzen – nur simuliert, also vortäuscht.7  

Aber sollte es nicht – zumindest im liturgischen Zusammenhang – auf die reale Geste, die körperliche Praxis ankommen? Diese Frage zu bejahen, heißt jedenfalls dem Zeichen des Engels in unserem Experiment zu folgen. Er zeigt auf die menschliche Anwesenheit vor dem Bildschirm bzw. der Kamera.
  
 
1 I Georges Didi-Huberman, Was wir sehen blickt uns an. Zur Metapsychologie des Bildes, München 1999, S. 26f.
2 I A.a.O., S. 25.
3 I Bruno Latour, Jubilieren. Über religiöse Rede, Berlin 2011, S. 152.
4 I A.a.O., S. 153.
5 I Vgl. Jean-Luc Godard, Histoire(s) du cinéma 1a (Toutes les histoires) und Georges Didi-Huberman, Images malgré tout, Paris 2003, S. 183ff.
6 I Georges Didi-Huberman, Was wir sehen blickt uns an, a.a.O., S. 26ff.
7 I Vgl. Lorenz Engell, Fernsehtheorie. Zur Einführung, Hamburg 2012, S. 73ff. mit Referenz auf Jean Baudrillard, Die Agonie des Realen, Berlin 1978.

 

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