Die Foto-Dokumentation der bisherigen LABORa Gottesdienste finden Sie hier.

LABORa


"Als man aufhörte zu übersetzen, hörte man auf zu bewahren." (Bruno Latour)
Um zu bewahren, braucht es Übersetzung. Die alte reformatorische Einsicht gilt auch für den Gottesdienst. Denn wenn liturgische Formen in der Gegenwart Resonanz haben sollen, müssen sie immer wieder aufs Neue befragt und übersetzt werden. 

LABORa ist das liturgische Werkstattformat der Stiftung St. Matthäus und des Zentrums für evangelische Gottesdienst- und Predigtkultur.

Einmal im Quartal arbeiten Künstlerinnen und Künstler direkt mit an einem neuen Gottesdienst-format, mit dem sie die althergebrachten Formen der Liturgie auf die Probe stellen und neu übersetzen. In Anlehnung an die alte Benediktinerformel „ora et labora“, „Bete und arbeite“, treten die Laborformate in ein kreatives Gegenüber zu den traditionellen „hORA“-Gottesdiensten der Stiftung – als experimentelles Widerlager und Quelle liturgischer Erneuerung: „hORA et LABORa“.

Eine Kooperation mit der Stiftung St. Matthäus Berlin.

Konzeption und Leitung:
Hannes Langbein, Berlin
Dr. Dietrich Sagert, Wittenberg

 



 
Eintrag vom
LABORa – Andacht
Es lässt sich manches zur Rechtfertigung dieser Haltung sagen, ethisch: man will dem Schicksal nicht in die Räder greifen; innere Berufung und Kraft zum Handeln schöpft man erst aus dem eingetretenen Ernstfall; man ist nicht für alles Unrecht und Leiden in der Welt verantwortlich und will sich nicht zum Weltenrichter aufwerfen; psychologisch: der Mangel an Phantasie, an Sensitivität, an innerem Auf-dem-Sprunge-sein wird ausgeglichen durch eine solide Gelassenheit, ungestörte Arbeitskraft und große Leidensfähigkeit.

Christlich gesehen, können freilich alle diese Rechtfertigungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier entscheidend an der Weite des Herzens mangelt. Christus entzog sich solange dem Leiden, bis seine Stunde gekommen war: dann aber ging er ihm in Freiheit entgegen, ergriff es und überwand es. Christus – so sagt die Schrift – erfuhr alles Leiden aller Menschen an seinem Leibe als eigenes Leiden – ein unbegreiflich hoher Gedanke! –, er nahm es auf sich in Freiheit.

Wir sind gewiss nicht Christus und nicht berufen, durch eigene Tat und eigenes Leiden die Welt zu erlösen, wir sollen uns nicht Unmögliches aufbürden und uns damit quälen, dass wir es nicht tragen können, wir sind nicht Herren, sondern Werkzeuge in der Hand des Herrn der Geschichte, wir können das Leiden anderer Menschen nur in ganz begrenztem Maße wirklich mitleiden.

Wir sind nicht Christus, aber, wenn wir Christen sein wollen, so bedeutet das, dass wie an der Weite des Herzens Christi teilbekommen sollen in verantwortlicher Tat, die in Freiheit die Stunde ergreift und sich der Gefahr stellt, und in echtem Mitleiden, das nicht aus der Angst, sondern aus der befreiende und erlösenden Liebe Christi zu allen Leidenden quillt.

Tatenloses Abwarten und stumpfes Zuschauen sind keine christlichen Haltungen. Den Christen rufen nicht erst die Erfahrungen am eigenen Leibe, sondern die Erfahrungen am Leibe der Brüder um derentwillen Christus gelitten hat, zur Tat und zum Mitleiden.

(Dietrich Bonhoeffer, aus: Rechenschaft an der Wende zum Jahr 1943: Nach zehn Jahren, in: Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft.)
Fotos: Leo Seidel